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Klimagipfel in Kenia

»Afrika bettelt nicht mehr um Geld«

Nur ein Bruchteil der weltweiten Gelder für den Ausbau erneuerbarer Energien fließt nach Afrika. Doch beim ersten Klimagipfel in Nairobi zeigt der Kontinent neues Selbstbewusstsein – und entlarvt die Doppelmoral des Westens.

Aus Nairobi berichtet Heiner Hoffmann

07.09.2023, 08.15 Uhr

William Ruto, der kenianische Präsident, fährt mit einem kleinen gelben Elektroauto vor. Die dicken SUV der Sicherheitsleute bleiben auf diskretem Abstand. Bei diesem Klimagipfel gilt: Es geht um die Symbolik. »Afrika bestimmt die Agenda!«, verkündet eine Moderatorin mit fester Stimme. »Afrika redet, die Welt hört zu«, sagt Präsident Ruto. Die Botschaft ist klar: Der Kontinent, der vom Klimawandel am stärksten betroffen ist, hält nicht mehr still.

Am Ende geht es vor allem um viel Geld. Denn die Klimaschäden in Afrika sind enorm; die Häufigkeit von Dürren und Fluten nimmt zu, der Hunger mit ihnen; Lebensmittelhilfen müssen aufgestockt werden. 100 Milliarden US-Dollar wollten die reicheren Länder dieser Erde pro Jahr zum Ausgleich zur Verfügung stellen, schließlich haben sie die Klimakrise maßgeblich verursacht. Doch dieses Ziel wurde nie erreicht. Lediglich zwei Prozent der weltweiten Mittel für den Ausbau erneuerbarer Energien fließen nach Afrika. Vom Klimagipfel in Nairobi soll also das Signal ausgehen: Wir brauchen endlich mehr Geld.




Das soll nicht nur in Form von staatlichen Mitteln fließen, sondern auch durch verstärkte private Investitionen, zum Beispiel in klimafreundliche Technologien. Die Energiewende wird als Jobmotor gepriesen, als große Chance für den Kontinent. Tatsächlich hätte Afrika dafür die besten Voraussetzungen: Wind und Sonne gibt es im Überfluss. Wenn das Potenzial für erneuerbare Energien auf dem Kontinent voll ausgeschöpft würde, könnte damit theoretisch der weltweite Energiebedarf gedeckt werden, rechnen Experten. Schon jetzt erzeugt Kenia mehr als 80 Prozent seines Stroms aus regenerativen Quellen, vor allem aus Geothermie. Auch für die Energiewende wichtige Rohstoffe wie Lithium lagern in Afrika. Der Kontinent hätte die Chance, sich als erste Region der Erde nachhaltig zu industrialisieren – wenn denn nur das Geld dafür da wäre.



Das soll nicht nur in Form von staatlichen Mitteln fließen, sondern auch durch verstärkte private Investitionen, zum Beispiel in klimafreundliche Technologien. Die Energiewende wird als Jobmotor gepriesen, als große Chance für den Kontinent. Tatsächlich hätte Afrika dafür die besten Voraussetzungen: Wind und Sonne gibt es im Überfluss. Wenn das Potenzial für erneuerbare Energien auf dem Kontinent voll ausgeschöpft würde, könnte damit theoretisch der weltweite Energiebedarf gedeckt werden, rechnen Experten. Schon jetzt erzeugt Kenia mehr als 80 Prozent seines Stroms aus regenerativen Quellen, vor allem aus Geothermie. Auch für die Energiewende wichtige Rohstoffe wie Lithium lagern in Afrika. Der Kontinent hätte die Chance, sich als erste Region der Erde nachhaltig zu industrialisieren – wenn denn nur das Geld dafür da wäre.



Maßgebliche Unterstützer dieser Initiative waren nicht nur die amerikanische Regierung, sondern auch Firmen wie McKinsey und die US-amerikanische Rockefeller Foundation. Sie traten auf dem Gipfel in einer Doppelrolle auf: McKinsey zum Beispiel war laut Medienberichten eng in die Organisation eingebunden, habe Einfluss auf das Programm genommen, bei dem es jetzt viel um ebendiese Carbon Markets ging. Gleichzeitig wirbt die Beratungsfirma seit Langem für den Emissionshandel, berät Kunden in diesem Markt. McKinsey wollte sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht äußern; die kenianische Regierung nennt die Vorwürfe »weit weg von der Wahrheit«.


»Sie haben den Gipfel sabotiert, gekapert und führen Afrika nun an der Nase herum«, schimpft Mohamed Adow, Klimaexperte beim Thinktank Power Shift Africa. »Der Kohlenstoffmarkt dient westlichen Firmen nur dazu, auf Kosten Afrikas weiter die Welt verschmutzen zu können.« Tatsächlich ist das Konzept hochumstritten: Zum einen wurde bei mehreren Projekten kritisiert, dass sie weitgehend wirkungslos sind und kaum CO₂ einsparen. Zum anderen bemängeln Kritiker, dass der Kohlenstoffhandel eine Form des Neokolonialismus sei, der afrikanischen Ländern wirtschaftlich kaum etwas bringe und von dem vor allem dubiose Zwischenhändler profitierten.



Doch die Vereinigten Arabischen Emirate, Ausrichter des nächsten Weltklimagipfels, freuen sich: Ein Konsortium hat bereits 450 Millionen US-Dollar zugesagt, um die African Carbon Market Initiative zu unterstützen. Deutschland beteiligt sich bislang nicht an dem Vorhaben. Im VIP-Zelt auf dem Gipfelgelände ist es heiß, auf roten Sofas werden wichtige Gespräche geführt, letzte Deals eingefädelt. Hier sitzt auch Jennifer Morgan, die Klimastaatssekretärin im Auswärtigen Amt, früher Greenpeace-Chefin. Sie listet gerne auf, was Deutschland alles zum Erfolg des Gipfels beitrage: 450 Millionen Euro für grüne Projekte in Afrika, 60 Millionen Euro Schuldenerlass, und 60 Millionen Euro für Düngemittelproduktion aus Grünem Wasserstoff in Kenia. Was sie zu den Vorwürfen Rutos sagt, der Westen liefere meist nur leere Versprechungen? Im Interview äußert sie dafür Verständnis. Im später vom Auswärtigen Amt autorisierten Zitat heißt es, man arbeite »Hand in Hand« mit der kenianischen Regierung und rede »offen miteinander darüber, wie Industriestaaten, die eine besondere Verantwortung haben, noch mehr machen können«.


Revival der fossilen Brennstoffe Auf all den Panels, in den weißen Zelten mit den sogenannten Side Events, wird ein Thema dezent umschifft: das Revival der fossilen Brennstoffe auf dem afrikanischen Kontinent. Denn während das Potenzial erneuerbarer Energie beschworen wird, sieht die Realität vielerorts anders aus: In zahlreichen Ländern werden Megaprojekte zur Ausbeutung von Öl und Gas vorangetrieben. Vor allem seit dem Krieg in der Ukraine bieten sich afrikanische Staaten als neue Lieferanten an. Das Interesse ist groß, auch Bundeskanzler Olaf Scholz reiste im vergangenen Jahr in den Senegal, um potenzielle Gaslieferungen zu sondieren. Es sollte im Winter schließlich nicht kalt bleiben. Aus Südafrika hat Deutschland im vergangenen Jahr mehr Kohle importiert als im Vorjahr, während gleichzeitig Millionen in die Energiewende des Landes gesteckt werden. »Europa will Afrika zur neuen Tankstelle machen«, schimpft Klimaexperte Mohamed Adow. »Das sollte auf dem Klimagipfel mal ehrlich angesprochen werden.«

Vor dem großen Versammlungsraum im internationalen Konferenzzentrum von Nairobi steht Anxious Masuka, Umweltminister in Simbabwe. Seine Partei hat dort gerade eine Wahl gewonnen, die international als unfair und undemokratisch kritisiert wurde. Der Minister verkündet, dass Simbabwe in den nächsten Jahren 60 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen will. Doch er schwärmt auch von den großen Kohlereserven seines Landes, von Öl- und Gasvorkommen. »Wir können mit den Einnahmen aus diesen Rohstoffen unsere Industrialisierung vorantreiben«, sagt Masuka. Seine Stimme wird dabei leiser, als sei dieses Thema hier nicht angebracht.



Draußen, in der Nähe des Eingangs zum Konferenzgelände, sind links und rechts Zelte aufgebaut. Eines davon ist eher ein Pavillon, an den Seiten offen, hier treffen sich am Montag junge Klimaaktivistinnen und -aktivisten. Gerade redet die Südafrikanerin Chantelle Serithi darüber, wie ihre Organisation Schulkinder über Umweltthemen aufklärt und Essensrationen an Bedürftige ausgibt. Der Vortrag zieht sich etwas in die Länge, eigentlich sollte ein kenianischer Aktivist übernehmen, sein Projekt zur Müllbeseitigung im Slum vorstellen, doch er hängt noch am Eingang fest, kämpft um seine Akkreditierung. »Viele von uns wurden nicht reingelassen«, schimpft seine Kollegin. Dabei sollte es in Nairobi doch eigentlich genau darum gehen: um afrikanische Lösungen. Serithi glaubt trotzdem, dass der Klimagipfel ein Signal des Aufbruchs ist: »Auf internationaler Ebene werden wir ausgeschlossen, niemand priorisiert Afrika, hier priorisieren wir uns selbst«, sagt sie, »wir haben das Wissen, wir haben die Ressourcen, vor allem in Form so vieler junger Leute, die etwas bewegen wollen.«



Aber die junge Aktivistin hat eine große Sorge: Korruption. Sie kennt das aus eigener Erfahrung, neulich hatte ihre Organisation mit Spendengeldern 5000 Bäume pflanzen wollen, »da haben die Behörden gefragt: Und was verdienen wir daran?«, erzählt Serithi. »Wenn das auf kleinerer Ebene schon so ist, wie soll es erst bei Milliarden Euro Klimamitteln werden?« Auch diese Frage wurde in Nairobi kaum diskutiert – dabei gilt gerade der Sektor der erneuerbaren Energien als stark korruptionsgefährdet, schließlich werden hohe Beträge schnell vergeben. In der Nairobi Declaration, der Abschlusserklärung des Gipfels, wird ein Umbau der globalen Finanzarchitektur gefordert, damit Afrika schneller und einfacher Zugriff auf Gelder hat, ebenso sprechen sich die Staats- und Regierungschefs für weitere Schuldenerlasse und eine globale Kohlenstoffsteuer aus. »Es muss mehr passieren«, heißt es fett gedruckt in dem Dokument. Nachdem es offiziell verabschiedet wurde, gab es noch einen Fototermin, dann fuhr das gelbe Elektroauto vom Hof, ebenso die dutzenden hochmotorisierten SUV. Es muss noch viel passieren – in Afrika und im Globalen Norden.


QUELLE:https://www.spiegel.de/ausland/afrikanischer-klimagipfel-in-nairobi-afrika-bettelt-nicht-mehr-a-9fd36bbc-2b57-41a0-8f58-7f879f579879 ALLE RECHTE HAT SPIEGEL TV WIR BERICHTEN ES NUR WEITER WIR HABEN KEINE RECHTE WEDER AN DEN BILDERN NOCH AN DEN TEXTEN ALLE RECHTE GEHÖREN (SPIEGEL TV Heiner Hoffmann)

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